Gespräch mit Pater Pierre Zosso

Nicht das Vollendete, das Werdende zählt

Am 26. April geht Pater Pierre Zosso ins 90. Lebensjahr. Eine der vielen Spezialitäten von Pater Pierre Zosso ist, dass er die Geburtsjahre anders betont. Nicht das Vollendete, sondern das Werdende feiert er immer wieder.

Portrait Pater Pierre Zosso

Viele aus den Pfarreien St. Martin und St. Marien kennen ihn als den, der zutiefst das lebt, was er sagt. Ich durfte ihn im Hinblick auf seinen Geburtstag besuchen und im Gespräch mit ihm hat er mir folgende Worte und Sätze mit auf den Weg gegeben:

"Mit jedem Tag versuche ich das Evangelium noch besser und würdiger zu leben. Das Wort Gottes selber zu lesen, zu predigen und es so der Welt zu schenken, ist wunderbar und strenge Arbeit. Ich liebe die Seelsorgearbeit und besonders die Liturgie. Vor allem denke ich gerne an die Zusammenarbeit mit Domherr Alois Stammler zurück. In der Spitalseelsorge durfte ich das Vertrauen von sehr vielen Menschen gewinnen und ich kam jedes Mal erbaut aus dem Spital zurück. Die Frohbotschaft Gottes ist wirklich eine Lebenskraft.

Die heutige Situation in der Kirche darf uns nicht erschrecken. Es gab in der Geschichte der Kirche immer Tiefstände. Wichtig ist, dass die Liturgie eine Öffnung erlebt hat. Die Liturgie ist ein wichtiges Portal für die Zukunft der Christen. Die Laien haben darin ihre Plattform erhalten. Sie haben eine wichtige Stimme. Das Wort Gottes erlebt die volle Entfaltung, wenn es in der Muttersprache zu hören und zu erleben ist. Was Martin Luther mit dem Anliegen "die Muttersprache in der Kirche" einforderte, ist in den letzten Jahrzehnten verwirklicht worden.

Die stetige Diskussion um das Pflichtzölibat gibt mir zu denken. Das Pflichtzölibat darf nicht grobfahrlässig abgeschafft werden, sondern es wird sich aufheben. Das heisst, es ist jedem frei gestellt, das Zölibat auf sich zu nehmen oder nicht. Abschaffen ist ein schrecklicher Ausdruck und gleicht einem Verbot."

Auf die Frage, welches sein wichtigstes Anliegen ist, sagte er mir:
"Ich bete alle Tage, dass die Menschen zum Glauben geführt werden. Dann wissen und spüren es alle Menschen, dass sie geliebt und gerettet sind. Niemand trägt in sich das Gefühl, unerwünscht, verloren oder gar verworfen zu sein. Das ist bestimmt auch der innigste Wunsch vom lieben Gott, dass niemand verloren geht.

Ich wünsche mir auch sehr, dass die Menschen nicht müde werden, sich zu versöhnen. Tätige Menschen, die aus dem Pool der Versöhnung leben, helfen die Liebe zu verwirklichen. Dazu braucht es eine klare, unmissverständliche und einladende Sprache. Wenn der Mensch das Herz auch vom Feind wahrnimmt, dann sind wir einander wirklich näher gekommen. Als 90-jähriger werde er weiterhin bescheiden bleiben, um mit Verstand, Herz und Hand den Alltag zu gestalten. Wenn er nochmals zurück könnte, würde er noch einmal den gleichen Weg wählen, um es noch besser zu machen."

Draussen in seinem Garten machte ich noch ein paar Fotos von Pater Zosso. Wir scherzten noch wenige Minuten zusammen. Dann verabschiedeten wir uns von einander. Schön war die Begegnung mit ihm, dem modernen Eremiten über Thun. Er stand nicht so sehr in der Öffentlichkeit, dafür standen viele aus der Öffentlichkeit bei ihm in der Stube und suchten ihn auf, um guten Rat zu finden.

Lieber Pater Pierre Zosso,

im Namen von vielen Menschen aus unserer Region, ob katholisch oder reformiert, gratuliere ich Dir von Herzen zum Schritt in das 90. Lebensjahr. Ich wünsche Dir ebenso im Namen aller Pfarreiangehörigen von St. Martin und Marien und allen PfarrblattleserInnen weiterhin körperliche, seelische und geistige Gesundheit und Vitalität. Wir bewundern dich in deiner offenen und exakten Gesinnung und danken Dir für alle Deine guten Dienste im grossen Tätigkeitsfeld der Seelsorge. Hoffentlich darfst Du 100 Jahre alt werden! Gottes Segen dazu sei dir geschenkt!

Danke für den Besuch bei dir und liebe Grüsse

Urs Zimmermann-Suter, Diakon