02.04.15

Zum Nachdenken - Ein Gedicht von Philip Larkin (1922-1965)

Kirchgang


Nur wenn ich sicher bin, dass dort gerade nichts geschieht,
trete ich ein, lass die Tür sich schliessen mit dumpfem Schlag.
Wieder eine Kirche: Läufer, Sitzplätze, Stein
und kleine Bücher; Blumendekorationen, geschnitten
zum Sonntag, schon bräunlich; Messing und Stoff
hinten am heiligen Ende; die kleine, zierliche Orgel;
und ein gespanntes, muffiges, unüberhörbares Schweigen,
zusammengebraut, Gott weiss, seit wann. Hutlos entferne ich
meine Fahrradklammern in unbeholfener Verbeugung

 

 

  geh nach vorn und fahre mit meiner Hand um den Taufstein.
Von dort, wo ich stehe, sieht das Dach fast neu aus –
Gesäubert und restauriert? Irgendwer wird’s wissen: Ich nicht.
Ich steige zum Lesepult hoch, sehe ein paar
prahlende, gewichtige Verse durch und spreche das
„Here endeth“ viel lauter, als ich wollte.
Die Echos kichern kurz. Dann, an der Tür,
schreib ich mich in das Buch ein, stifte einen irischen Sixpence,
denke mir, der Ort war’s nicht wert anzuhalten.

 

 

Dennoch, ich hielt an: tatsächlich tu ich’s oft,
und immer lande ich so in der gleichen Verlegenheit,
frage mich, was zu sehen war, frage mich auch,
wann Kirchen völlig ungebräuchlich werden,
was wir aus ihnen machen sollen, ob wir
ein paar Kathedralen erhalten sollen, ständig zur Besichtigung,
ihr Pergament, Gerät und Gefäss in verschlossenen Schränken,
und den Rest mietfrei Regen und Schaf überlassen.
Sollen wir sie meiden als Unglücksstätten?

 

 

  Oder kommen nach der Dämmerung zweifelhafte Frauen,
um ihre Kinder einen bestimmten Stein berühren zu lassen;
um Kräuter zu pflücken gegen Krebs; oder in einer
ratsamen Nacht einen Toten wandeln zu sehn?
Einfluss der einen oder anderen Art wird es weiterhin geben
in Spielen, in Rätseln, scheinbar zufällig;
doch Aberglaube wie Glaube muss sterben,
und was bleibt, wenn Unglaube vergangen ist?
Gras, unkrautbewachsene Platten, Brombeergestrüpp, Pfeiler, Himmel,

 

 

ein Umriss, jede Woche weniger erkennbar,
eine Absicht, immer unverständlicher. Ich frage mich, wer
der letzte sein wird, der allerletzte, der
diese Stätte aufsucht um ihretwillen; einer von den vielen,
die abklopfen und notieren und wissen, was Lettneremporen waren?
Irgendein Ruinengeniesser, scharf auf Antikes,
oder ein Weihnachtsliebhaber, der mit einem Hauch
von Gewand und Beffchen und Orgelpfeifen und Myrrhe rechnet?
Oder wird es einer sein wie ich,

 

 

  gelangweilt, nicht informiert, wissend, dass der Geistersand
verstreut ist, und der doch zugeht auf dieses Grundkreuz
durch Vorstadtgestrüpp, weil es zusammenhielt
so lange und gelassen, was seither nur
in Trennung gefunden wird – Hochzeit und Geburt
und Tod und Gedanken darüber, für wen wurde
dies besondere Gehäuse gebaut? Denn wenn ich auch keine Ahnung habe,
was diese ausstaffierte, stickige Scheune wert ist,
gefällt es mir, in Schweigen hier zu stehen;

 

 

ein ernsthaftes Haus auf ernsthafter Erde ist es,
in dessen Luftgemenge sich all unsere Zwänge treffen,
erkannt werden und als Schicksal verkleidet.
Und so ganz veraltet kann es niemals sein,
da für alle Zeit irgendeiner
einen Hunger in sich entdecken wird, ernsthafter zu sein,
und damit angezogen wird von diesem Grund,
wo, wie er einmal hörte, es sich geziemte, weise zu werden,
und sei es nur, weil so viele Tote dort liegen.
 

Übersetzung von U. und W. Knoedgen, zitiert nach Alex Stock, Poetische Dogmatik, Ekklesiologie, Paderborn 2014, 290-292

 

 

                                       Kurt Schweiss, Pfarrer
Pfarrei St. Martin, Thun

 

 

 

 

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