"Schattenbilder" - Gedanken zum Jahreswechsel
Was bewegt uns dazu, den Übergang von einem Jahr zum anderen als besonderen Moment zu begehen? Ist es nur die wechselnde Jahreszahl? Immer wieder ertappe ich mit im Januar dabei, wie ich immer noch die Zahl des vergangenen Jahres hinschreibe. Und meist bin ich dann zudem leicht ungehalten darüber, weil ich dabei spüre, wie schnell die Zeit des zurückliegenden Jahres verflossen ist. Was kann ich da auflisten, was besonders erwähnenswert oder gar für die Zukunft erinnerungswürdig bliebe? Welche herausragenden Momente bleiben im Gedächtnis haften?
Oft sind es nicht die Ereignisse oder Begebenheiten, für mich oder für andere sichtbar oder spürbar sind und bleiben. Oft sind es die besonderen Begleit-Umstände, die sich eingeprägt haben.
Wenn hier im Hof der Kirche St. Martin die aufgehende Wintersonne oder der Winter-Vollmond das Schattenbild des Tulpenbaumes an die gegenüberliegende Kirchenwand wirft, sind es nicht die kleinsten Zweige und Verästelungen, die dort scherenschnittartig abgebildet sind. Es sind vielmehr die dicken Äste und die groben Zweige, die ein faszinierendes Bild des Baumes ergeben.
Das Bild, das mir von Ereignissen und Begebenheiten des vergangenen Jahres bleibt, gleicht so diesem Schattenbild. Es braucht die grossen Äste und die groben Zweige, es braucht die starken Momente im Leben. Ohne dies wäre alles andere schwer einzuordnen. Es fände keinen Halt und ginge verloren. Aber diese starken Äste und Zweige machen nicht das Ganze aus. Es braucht dazu die feinen Zweige, die die Blätter tragen und dem Baum zu den wechselnden Jahreszeiten sein besonderes Gesicht geben.
Genauso braucht das Schattenbild vom vergangenen Jahr, das in Erinnerung bleibt, die Ergänzung durch das Viele, das dem Ganzen Leben eingehaucht hat. Und es braucht die Ergänzung durch die Vielen, die mit ihrem Dasein, mit ihrem Mitwirken, mit ihrem oft unbeachteten Beitrag das Jahr geprägt haben.
Dies gilt namentlich auch für jede Pfarrei. Symbolisch dafür mag der Tulpenbaum im Hof der Kirche St. Martin stehen. Das Schattenbild der starken Äste und dicken Zweige, das die Sonne oder der Mond an die Wand wirft, ist wunderschön. Aber es darf nicht davon ablenken, dass es nur ein Abbild ist und nicht die Wirklichkeit.
Dass diese Wirklichkeit so vielfältig und bunt war, dafür haben ungezählte im vergangenen Jahr ihren Beitrag geleistet. Ich bin zuversichtlich, dass dies auch im kommenden Jahr so sein wird.
Wir dürfen uns am Schattenbild freuen, weil wir die Wirklichkeit auch im neuen Jahr wiederum noch viel bunter und lebendiger erfahren werden. Dieses Vertrauen schöpfen wir aus dem Segenswort, das an Neujahr als Lesung im Gottesdienst vorgetragen wird: "Gott segne und behüte dich. Er lass sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Er wende sein Angesicht dir zu schenke dir Heil." (Num. 6,24-26)
Schatten bilden nicht die Wirklichkeit ab. Aber sie vermögen im Nachhinein, eingeprägt im Gedächtnis, uns an wichtige Momente zu erinnern.
Was haben wir als wirklich erlebt?
Was ist der Erinnerung wert über das Jahresende hinaus?
Wenn Sie auf dem Bild das Schattenbild des Tulpenbaumes an der Kirchenwand von St. Martin sehen, mag dieses Bild Sie an manches im vergangenen Jahr erinnern, an Heiteres und Trauriges, Enttäuschendes und Hoffnungsvolles.
Möge Ihnen all dies helfen, auch im Neuen Jahr das zu bestehen, was uns die kommende Zeit bringt.
Franz Scherer, Pfarrer in St. Martin
Röm.-Kath. Kirchgemeinde Thun, Kapellenweg 7, 3600 Thun, Tel. 033 225 03 53, Fax 033 225 03 63
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