Zum 60. Jahresgedenktag der Befreiung von Auschwitz

Jossel, Sohn des Jossel Rakover von Tarnopol, wendet sich zu Gott

Ich bin stolz darauf, ein Jude zu sein, nicht trotz all dem, was die Welt mir antut, sondern gerade um dessentwillen, was die Welt mir antut. Ich bin stolz darauf, ein Jude zu sein, weil es eine Kunst ist, ein Jude zu sein, weil es schwierig ist, ein Jude zu sein. Ich glaube, dass Jude-Sein bedeutet: Kämpfen, ewig gegen den heranstürmenden, verbrecherischen menschlichen Strom zu schwimmen. Ich bin glücklich, um zum unglücklichsten Volk der Welt zu gehören, dessen Lehre die erhabenste und schönste aller Gesetze und sittlichen Prinzipien umfasst.

Ich glaube an Dich, Gott Israels, sogar wenn Du alles ins Werk gestellt hast, damit ich nicht länger an Dich glauben kann. Ich glaube an Deine Gesetze, sogar wenn ich Deine Leitung nicht billigen kann. Mein Verhältnis zu Dir ist nicht wie dasjenige eines Sklaven zu seinem Meister, sondern vielmehr das eines Schülers zu seinem Lehrmeister. Ich beuge mein Haupt vor Deiner Grösse, aber werde die Geissel nicht küssen, womit Du mich schlägst.
Vielleicht sagst Du, dass wir gesündigt haben. Auch das kann ich verstehen. Aber da möchte ich doch gerne von Dir wissen: Gibt es eine einzige Sünde auf der Welt, welche eine Strafe verdient wie wir sie erhalten haben? Du sagst, dass Du es unsern Feinden vergelten würdest. Dessen bin ich überzeugt. Vergeltung ohne Gnade? Auch daran zweifle ich nicht. Aber ich möchte doch von Dir wissen wollen: gibt es eine einzige Strafe auf der Welt, welche die Verbrechen, die uns angetan wurden, zu vergelten vermag? Ich möchte Dir sagen, dass in diesem Augenblick, mehr noch als in einer einzigen früheren Periode unseres ewigen Todeskampfes, wir, wir, die Gefolterten, die Erniedrigten, die lebendig Verbrannten, die Beleidigten, die Verspotteten, wir, zu Millionen ermordet, dass wir das Recht haben zu wissen: Bis wie lang noch lässt du das zu? Vergib denen, die ihren Namen entheiligt haben, die andere Götter angebetet haben, die gegenüber Dir gleichgültig werden. Du hast sie so schwer kasteit, dass sie nicht länger glauben, dass du ihr Vater bist, dass sie wohl noch einen Vater haben.

Ich sage Dir das, weil ich an Dich glaube, mehr als je früher an Dich glaube, weil ich nun sicher weiss, dass du mein Gott bist, weil du nicht der Gott sein kannst von jenen, deren Taten die ungeheuerlichste Äusserung von Gottlosigkeit sind. Wenn du nicht mein Gott bist, wessen Gott bist du dann? Der Gott der Mörder?

Ich segne und verherrliche Dich, hingegen einzig und allein, weil du existierst wegen Deiner Ehrfurcht gebietenden Grösse. Höchstens eine Stunde wird es noch dauern, bevor ich versammelt sein werde mit dem Rest meiner Familie und mit den Millionen von andern Getroffenen meines Volkes in einer besseren Welt, wo es keinen Zweifel mehr geben wird.
Ich sterbe in Frieden, aber nicht zufrieden, verfolgt, aber nicht geknechtet, verbittert, aber nicht zynisch, ein Gläubiger, aber kein Bittsteller, ein Mensch, der Gott noch kennt, aber der nicht zu allem ja und amen sagt. Ich bin Gott gefolgt, sogar als er mich verstiess. Ich habe seine Gebote befolgt, sogar wenn er mich dafür schlug. Ich habe ihn geliebt, sogar wenn er mich zur Erde warf, mich um Objekt von Schande und Spott machte.

Und dies sind meine letzten Worte zu Dir, mein zorniger Gott: es wird Dir alles keinen Nutzen bringen. Du hast alles getan, um meinen Glauben an Dich zu beschämen, aber ich sterbe genau so wie ich gelebt habe, indem ich rufe:

Schema Israel, höre, Israel.

Der Herr ist unser Gott.

Der Gott ist einer. In Deine Hände, o Gott, befehle ich meinen Geist."

Quelle:
Buchcover Zvi Kolitz: Zeichnung flüchtender Menschen
Zvi Kolitz
Jossel Rakovers
Wendung zu Gott.
Berlin1996.